Die Sonne scheint und der Kaffee duftet aus der Forsthütte von Weiler in den Bergen. Oliver Döz und Tobias Staudenmaier vom Team „Nachsuche Ostalb“ hatten zum Anschussseminar geladen. Die Gesichter der 18 Jägerinnen und Jäger, die sich dafür am frühen Samstagmorgen versammelt hatten, erhellen sich.
Versorgt mit Getränken und leckerem Kuchen schildert Oliver den Teilnehmenden, was sie in den folgenden Stunden erwartet: Basierend auf einem einführenden Theorieteil, werden die Wissensbestände anschließend durch praktische Übungen erweitert. Nach dem Mittagessen erfolgen wichtige Hinweise zum Thema Nachsuche. Ziel des Seminars ist, Pirschzeichen erkennen und deuten zu können. Ebenso sollen die Teilnehmenden zur Einleitung der richtigen Maßnahmen befähigt werden.
Beginnend stellt sich die Frage, wieso wir überhaupt nachsuchen? Kurz gesagt, weil es unsere Pflicht ist. Das Jagd- und Wildtiermanagementgesetz schreibt die unverzügliche und fachgerechte Nachsuche für alle Jagdausübungsberechtigten vor (§ 38). Die Ursachen für eine Nachsuche sind vielfältig. Klar ist, dass die Verantwortung immer beim Schützen liegt. Daher sollte der Kontakt zu einem professionellen Nachsuchengespann stets vorhanden sein und im Bedarfsfall genutzt werden.
Die Inhalte der Jägerprüfung werden im weiteren Verlauf vertieft und mit praktischem Fachwissen unterfüttert: Was gilt es vor und nach dem Schuss zu beachten? Welche Zonen des Wildkörpers sollten beschossen werden? Wie zeichnet das Wild bei welchem Treffersitz? Was, wenn das Wild gar nicht zeichnet – gefehlt? Nein, denn vor allem in Bewegung zeichnen Tiere selbst bei bestem Treffersitz oft gar nicht. Eine Kontrolle des Anschusses, sowie eine Kontrollsuche sind daher immer Pflicht!
Finden wir den Anschuss, wird dieser deutlich markiert. Bei genauerem Hinsehen stellen wir Pirschzeichen fest – aber wie sind sie zu deuten? Verschiedenste Arten stellt uns Oliver innerhalb einer Präsentation vor: Organfetzen, Schweißarten, Knochensplitter, Schnitthaar – alles muss am Wildkörper verortet werden. Dies probieren wir innerhalb der ersten Übung direkt aus.
Nach Bearbeitungszeit und kurzer Pause klären wir die Lösungen. Gar nicht so leicht auf dem Papier.
Daher heißt es nun: Ran an die Praxis! Draußen stehen bereits 20 Becher mit Pirschzeichen zur Bestimmung bereit. Herz, Lunge und Drossel sind leicht erkennbar. Aber was ist mit dem Rest? Könnt ihr Röhren- von Gebrächknochen unterscheiden? Erfahrung ist dazu gefragt und keine Scheu vor haptischen Einordnungsversuchen!
Es schlägt 12 und Essensduft liegt in der Luft: Tobias kommt mit warmen Fleischkäsweckle um die Ecke und so ist erstmal Mittagspause angesagt. Diese Zeit wird selbstverständlich zum Weiterraten und Diskutieren genutzt. Handelt es sich in Becher 14 um ein Stück Sehne oder Zwerchfell? Die anschließende Besprechung bringt die Lösung: „Team Zwerchfell“ liegt richtig. Allerdings sind derart große Stücke nicht naturgemäß. Kleinste Pirschzeichen im Wald zu finden, ist von ganz anderer Schwierigkeit. Die liegen nämlich nicht nur direkt am Anschuss.
Um zu verdeutlichen, in welchem Bereich um das beschossene Stück Wild noch Pirschzeichen zu finden sein können, folgt der Praxistest. Ein zur Verfügung gestellter Überläufer dient als Anschauungsobjekt. Nach dem Schuss kleben auf der in etwa drei Meter entfernt aufgespannten Plane eine Vielzahl an Wildbretstückchen. Die Teilnehmer sind erstaunt und verwundert. Beachtlich, wie weit die Pirschzeichen sich vom Anschuss entfernen können!
Liegen sie erstmal auf dem Waldboden, gestaltet sich das Auffinden noch anspruchsvoller, wie sich innerhalb der nächsten Übung herausstellte. Dazu hat das Team „Nachsuche Ostalb“ fünf Anschüsse in 3x3 Meter Quadraten vorbereitet. Suchen mit Adler´s Augen, ist nun gefragt. Gruppenweise durchkämmen die Teilnehmenden die markierten Bereiche – und werden nach einiger Zeit fündig. In Schälchen gesammelt, geht das Ratespiel über die Herkunft der Pirschzeichen weiter: Wo saß nun der Schuss? Die Verortung ergibt beispielsweise Lauf-, Krell- und Lungentreffer. Aus Ersteren würden in Natura entsprechend schwierige Nachsuchen resultieren.
Zu diesen sollten unbedingt spezialisierte Gespanne angefordert werden und zwar möglichst unverzüglich. Vorteilhaft an der Anforderung eines anerkannten Nachsuchengespanns ist der revierübergreifende Versicherungsschutz im Schadensfall. Weiter gilt: Einen Fangschuss gibt nur der Nachsuchenführer ab. Ebenso müssen alle an einer Nachsuche Beteiligten zwingend Warnkleidung tragen. Abschließend schärfen uns die beiden erfahrenen Nachsuchenführer Oliver und Tobias nochmal ein: Jeder Schuss muss kontrolliert werden! Allzu oft wird verendetes Wild gefunden, welches als „gefehlt“ abgestempelt wurde. Als passionierte Jäger*innen liegt uns das Tierwohl am Herzen und die Waidgerechtigkeit steht im Vordergrund, weiter haben wir gesetzliche Pflichten zu erfüllen. Deshalb muss unbedingt gewährleistet sein, dass kein unnötiges Leiden verursacht und im Sinne der Nachhaltigkeit erlegtes Wild zeitnah gefunden wird.
Das Anschussseminar vertiefte unser Wissen auf umfassende und beeindruckende Art und Weise. Die Theorie gestaltete Oliver durch eine anschauliche Präsentation und den Einbezug der Zuhörer*innen lebendig. Die praktischen Übungen ergänzten dies perfekt, wodurch sich das neu erworbene Wissen nachhaltig festigte. Für das leibliche Wohl war ebenfalls bestens gesorgt – zusammenfassend eine rundum gelungene Veranstaltung!
Herzlichen Dank für die Unterstützung an P.SS und Jagdfeeling, an NSF-Kollege Marco Sautter für das tierische Versuchsobjekt und an Eric Lachenmaier für die Aufbewahrung dessen. Vielen Dank an Familie Döz für die leckeren Kuchen sowie an die Jäger unterm Bernhardus für die Bereitstellung der Jagdhütte. Dankeschön an das Team „Nachsuche Ostalb“: Tobias Staudenmaier und Oliver Döz für die tolle Organisation und erstklassige Durchführung dieses Anschussseminars!
Tamara Kurz
